N i n a d o  -  Wolfgang Harm  

Songwriting, Spiritualität, Texte, Fotografie
 

Poesie + Stories 

In diesem Kapitel sind ältere poetische und lyrische Verse von mir zu finden, die (für mich) eine gewisse zärtliche Anmut und auch eine spirituelle Essenz in sich tragen. Des Weiteren habe ich vor Jahren mal 2 Kindergeschichten geschrieben, die hier ebenfalls zu lesen sind.



Ort der Stille
Stille –
ein Ort,
überall und immerdar,
ein Platz,
alle Plätze enthaltend,
eine Weite,
mir fern und nah,
ein Augenblick,
schwebend und zeitlos
in sich ruhend,
ewig und frei,
ein atemloses Nichts,
ein sanftes Leersein,
ein Nichtdenken
ohne Wollen,
ein gütiges Schauen:
Stille.
(April 2007)


Blumenkuss

Sie schaute mich an,
wie eine Rose
in der
Abenddämmerung.
In ihren Augen
leuchtete die unendliche Tiefe
des Universums.
Im Licht der Zuneigung
öffnete sich langsam
eine rote Blüte
und verströmte
ihren berauschenden Duft,
der mein Herz sanft berührte.
Unsere Lippen
badeten
in einem Meer
von zärtlichen Küssen.
Wellen der Freude
überfluteten uns
und brachten unsere Seelen
zum Schwingen.
Der weite Himmel
über uns
sang sein
nächtliches Sternenlied.
Eingetaucht in die
weiche Abendluft
verloren wir
alle Schwere.
Leicht und elegant,
wie Schwalben im Flug
und doch erregt
vom Feuer
unserer Sinne,
sanken wir
in die Stille
des Schlafes.
Danke
liebes Leben,
für deine
atemberaubende Schönheit.


Wundersam schön.

Lang schon
träumte mein Herz
von dieser erhabenen Nacht,
die uns vergnügt liebkoste,
ihre Wonnen verschenkte,
wie bunte Blütenblätter,
die tausendfach vom Himmel fielen -
herab auf uns,
die Bilder allen Getrenntseins
in Ekstase verloren.
In der Meerestiefe
deiner hingegebenen Augen
strahlte ein lächelnder Gott:
unsere selige, innere Heimat !
Leuchtend vom Glanz ferner Sterne,
und doch so unwiderstehlich nah.
Die Zeit verdunstete
in ungeahnte Galaxien.
Die süße Weite,
grenzenlos und ewig,
durchflutete
und umhüllte uns.
In solch geborgener Stille
wird mir alle Lust zu Gold.
Küsse, wie langsam fließender Honig,
versanken im Nirwana meiner Seele,
wo wir getraut Zuhause sind –
ein Hier und Dort,
wo kein Innen und Außen mehr weilt
und nur die Liebe wohnt –
dankbar und wundersam schön.


Ein Niemand

Unter den großen,
wichtigen Bäumen
der Welt,
bin ich die
sanftselige Trauerweide,
allein stehend,
am Ufer des Flusses,
schauend
in den Spiegel
des klaren Wassers,
kein Hauch Bedeutung
im Sinn,
nicht Leben dieser Welt
verzehrend,
von Gottes Busen
gestillt,
genährt von der
ewigen Ruhe,
die alles bewegt
und doch so
freudig im
Nicht-Tun
wacht.

Meine weichen
Zweige
tasten zärtlich
das Wasser,
der Wind
biegt mich
nach Lust und Laune,
ich bleibe entspannt,
bin ein
Niemand,
und doch
ein Alles
und Jedes.


F r e s s g i e r
Restaurant.
Es riecht gut,
es sieht prächtig aus,
es wässert meinen Gaumen,
die Augen gieren,
meine Nase berauscht sich.
Klirren, Klappern und Knistern
dringt mir in die Ohren.
Saubere Teller warten darauf,
gefüllt zu werden,
glänzendes Besteck will benutzt,
raschelnde Servietten
wollen beschmutzt werden.
Die Schüsseln sind leer,
man kann sie doch nicht
so gleichgültig
verwaisen lassen !!
Lustwütende Erregung
ist es,
von der ich
gepackt werde.
Das schmachtende Zittern
in der Dunkelkammer
meiner Eingeweide
verlangt nach Befriedigung,
garantierte Befriedigung,
nicht irgendeine
Beschwichtigung.
Nein ! Nein !
„Tu es endlich,
stopf es in dich hinein
und fackel
nicht solange.
Mannomann-
da kann man ja
wahnsinnig werden.
Kommste heute nicht,
kommste morgen !“
Tja, meine Herrschaften,
so pöbelt
ein frustierter Magendarmtrakt !
Wieso kriegen die am Nebentisch
viel eher ihr Scheiß-Essen,
obwohl ich früher, viel früher
da war ?
Da könnte man glatt
aus der Haut
fahren -
aber wohin ?
Am besten dem Kellner auf die Fresse !
Wohin sonst !?
Er kommt.
Na, das wurde aber auch Zeit -
schon stellt sich Ruhe ein
im Keller der Begierden – vorübergehend !
Ich dachte schon,
das wird nie was.
Hatte man mich nicht gehört ?
Mich vielleicht sogar übersehen ?
Ich – das Niemandskind.
Furchtbar so was !
So - jetzt noch mal warten:
bestellen ist nicht essen !
Bestellen heißt,
dem Hunger
die Peitsche geben:
er ist nun
wild,
gewalttätig,
unberechenbar.
Wieso mampfen die
um einen herum alle ?
Das ist doch Quälerei,
Gemeinheit,
hinterhältiges Pack.
„Bedienung !!!
Wie lange dauert das denn noch ?
Muß die Sau erst geschlachtet werden ?“
Meine Augen quillen hevor,
jede Scheiß-Fritte
auf dem Nachbarteller
gönne ich nicht -
niemandem.
Glaub ja nicht,
daß das, was du da in dich
reinschiebst,
dir gehört,
es sind meine Fritten, meine !
Ich war schon lange vor Dir hier !
Ich. Ja.
Ich bin jetzt mal dran !
Nicht immer die Anderen !
Ich habe schließlich auch Rechte !
„Kellner !!
Ist das hier ein Komplott,
der gegen mich geschmiedet wird ??
Nächstes mal bring ich mir ´n Pausenbrot mit !!“
Offenbar haben sich alle
gegen meinen
triefenden Heißhunger
verschworen !
Mein Gott -
wieso sieht keiner mein Leiden,
Egomanen-Volk, verdammtes !
Gefühlloses, verfressenes Gesocks !
Emotional-Quotient gleich Null,
da hat sogar mein Hund mehr !!
Na ja, sie können
nichts dafür,
zu keiner Empathie fähig,
was soll man
sich da aufregen ?
Essen kommt,
bunt und prall.
Unverschämt,
wie lang das hier dauert !
....Es ist nicht für mich.
Da verschlägst
einem doch
die Sprache !
Die Spießer schräg gegenüber
reissen jetzt
mit Raubtierzähnen
am Filet,
zermalmen grünes Gemüse,
verschlingen
eingespeichelte Kohlehydrate;
alles Nahrungsutensilien,
die quasi-juristisch
mir gehören!
Oh Himmel,
warum nur diese Quälerei ?
Warum ?
Meine Hoffnung
auf Befriedigung schwindet:
Aussichtslosigkeit.
Tunnelblick.
Mein Atem
wird flach.
Ich fühle
nichts mehr.
Depressionen überwältigen mich -
ich bin unsichtbar,
meine Bedürfnisse -
nicht wahrgenommen,
ich bin vergessen,
ich bin
nicht
mehr
da.
Mein Menü wird serviert.
Wozu das Ganze ?
Hunger ist von dieser Welt,
da, wo ich bin,
ist es still.
Wunschlos
bin ich plötzlich
und beinahe
glücklich.


F o r t g e h e n
Sie kennt die Stadt,
sie hat sich verlaufen,
der blinkende Nachthimmel
umwölbt schwarz den Erdball.
Geborgen und verwirrt
ist sie allein.
Der Mond regnet sein silbriges Licht
auf den müden Fluß.
Sie starrt verloren
auf das weiche Wasser,
ach, könnte doch die Verzweiflung
darin ertrinken.
Bleiben im Alten,
vertraut und warm,
quälend und eingeschlossen
oder abschneiden, aufbrechen,
dorthin, wo freie Luft
zu atmen ist.
Die Nacht schweigt vor sich hin,
der Strom singt stumm
sein Wasserlied,
das Meer ist nah,
weiß kein Morgen
und kein Aber.
Sie trocknet nicht ihre Tränen,
abschiedsverloren
lehnt sie an altem Mauerwerk,
das nach Jahrhunderten duftet.
(Ent)scheiden tut weh.
Ein Ruck,
wankelmütig und doch
entschlossen geht sie
die ersten Schritte,
wohin ?
Die Angst umarmend
wird sie dem Unbekannten
begegnen;
sie stolpert, unerwartet,
doch steht sie wieder auf,
die Schwere ist besiegt,
der Mond lächelt,
Fledermäuse schwirren aufgeregt
durchs Laternenlicht.
Sie wird gut schlafen
diese Nacht,
ein neuer Weg wartet -
auf sie allein.
Freude schneit,
leicht und sanft,
in ihr Herz.
 Dezember 2002


Frühlingsrausch
 
Ich fließe dahin
im sonnigen Meer,
treib duftenden Hügeln entgegen.
Strahlende Knospen deiner blumigen Haut
erwecken den Frühling in mir.

Versinke in Sümpfen
von Lust und Gier,
bin hart, bin weich -
zerspringe im Licht.

Deine wilden Flügel,
so sanft und mächtig,
tragen uns höher denn je.
Auf tiefem Grunde meines Flusses
blühen Rosen und Flieder
im Schatten der Wogen.

Ein Eisvogel tanzt auf blättrigem Wasser,
erzählt und träumt
von dir und mir,
die für Augenblicke vergaßen,
was Namen und Worte sind.

Die Nacht - sie lächelt
und schmiegt sich an,
taucht alles in wärmendes Nass.
Meine Hände reden und zeigen den Weg,
wo Vulkane die Wolken verschlingen.

Unsere Körper - zittern und lachen,
treiben ihr eigenes Abendgebet,
sie leben all das,
was in Köpfen nur geschrieben steht.

1984


In irgendeiner Nacht...

Geboren - ja, und auch allein,
all die Abenteuer warten,
ist das Leben schon gemein,
schaffen’s nur die Harten ?

Doch Freude will geschehen,
Zartheit muß sich fühlen.
Will niemand Dich wirklich sehen,
dein Feuer in Sanftheit kühlen ?

Eines Tages, schon bist Du groß,
manch’ Sehnsucht blieb ungesehen,
Ach, Frieden wolltest Du doch bloß,
vergaß’t Dich nun selbst - aus Versehen.

Dunkel blieb der Kern in Dir,
ohne Hoffnung auf ein Licht,
es trieb Dich an: nur weg von hier,
Glück für alle, nicht für Dich ?

Doch an Wasserfällen warst Du froh,
die Natur liebt alle gleich,
lag dein schöner Kopf im Stroh,
war dein Lächeln zart und weich.

Voller Kraft gingst Du in die Welt ,
deine Angst durft’ nicht mit,
Du wolltest sein, wie’s gefällt,
doch wer bist Du; hat dich lieb ?

So warten wir ein Leben lang,
bemühen uns und strengen an,
werden müde und ganz bang,
kommt die Liebe ? Aber wann ?

Nein, wir sind nicht Kinder mehr,
lieben sollten wir uns selbst.
Quält der Hunger noch so sehr,
verlierst, wenn fest Du hältst. 

Doch läufst Du durch’s Leben,
voller Hetze - wie im Marathon
und willst haben durch zu viel Geben,
besteigst Du niemals deinen Thron.

Ein glänzend Kind aus Sternenlicht,
ist deines Lebens liebevolle Krönung,
es besiegte deine Schatten nicht,
in deinen Tälern gab’s keine Versöhnung.

Ist man selbst nicht liebenswert,
kommt kein Licht ins eigene Herz.
Wer sich richtet mit scharfem Schwert,
ertrinkt hoffnungslos im Schmerz.

Und ist die Seele tief gekränkt,
wird der Körper schwer widersteh’n,
nur wenn Freude, Liebe dein Leben lenkt,
wirst Du heil deiner Wege gehen.

Doch reibst Du Dich auf, hoffend auf Gnade,
treibst Dich nur auf Gipfeln herum,
verschenkst Talent und manche Gabe,
dann fällst du hinab und wirst stumm.

Du warst ein Engel, wie auch wir,
hast die Erde reich und bunt gemacht,
unsere Liebe, sie gilt immer auch Dir,
vielleicht sehen wir uns träumend - in irgendeiner Nacht.

(für Ingrid)

.

Herzschmerz

Sie quält mich,
sie schreit mich an,
sie ist ungerecht,
sie belügt mich,
sie verläßt mich,
sie wärmt sich an einem Anderen.

Gedemütigt bin ich,
geschunden und verletzt,
ich weine und schreie,
Verzweiflung tobt in
meinem Sonnengeflecht.

Irgendwann  -
verzeihe ich und vergebe;
ich kann nicht anders.
Es ist die Liebe in mir,
die mein eitles Ich
sprachlos hinter sich läßt.
Ich weiß doch,
daß die giftigen Schwaden,
welche den zyklischen Mond begleiten,
nur dem Schmerz des Daseins
entspringen.
Das bittere Salz der Erde
hält zusammen,
was in Wahrheit
Auflösung ist.

Also streichle ich sie,
bin ihr freundlich zugewandt,
und sehne mich
nach ihrem heiligen Lächeln,
ihrem stillen Zauber,
der wie Puderzucker
auf dem Kuchen ruht,
wohl wissend,
daß der Pendelschlag ins Böse
jeder sonnigen Laune folgen kann.
 
Ach - mein Gott,
die Liebe in mir
ist unzerstörbar,
denn sie ist alles, was echt ist.
Fällt sie -
steht sie wieder auf,
verliert sie -
so erträgt sie,
wird ihr weh getan -
vergibt sie,
erreicht sie ein offenes Herz -
strahlt sie in göttlichem Glanz,
wird sie verschmäht,
läßt sie Freiheit
und wartet.

Ich bin Liebe,
ich bin Licht,
auch wenn ich es
fast täglich
vergesse.
Und manchmal,
wenn mein Herz weint
und dennoch lächelt,
falle ich in die Leere,
in der Gott wohnt.


Mein Sohn
Ich habe noch deinen
kristallenklaren Blick
nach deiner Geburt
vor Augen,
mit dem Du
mich erkanntest,
mich, deinen Vater,
der dich auf einem
weißen Kissen umschmiegte,
wie ein kostbares Juwel.
Es war ein
unsagbares Leuchten
zwischen uns,
denn Du kamst
aus dem Reich der Sterne,
wo keine Worte nötig sind,
um der ewigen Liebe auf unserer Erde
Ausdruck zu verleihen.
Inzwischen haben wir
15 Jahre miteinander verbracht
und ich habe meine Liebe
in all meiner
Unvollkommenheit versucht
Dir nahe zu bringen.
Manchmal war ich ungerecht zu Dir,
habe so manchen Fehler gemacht,
aber in meinem
Herzen war nur Liebe
für Dich - selbst wenn
Frust und Wut im Bauch
mir einen Strich
durch die Rechnung machten.
Du bist ein Engel der Freude und
hast oft eine liebevolle Unbeschwertheit,
von der wir Erwachsenen lernen können.
In Dir sprudelt eine innere Quelle der Weisheit
und eine lebensfreundliche Intelligenz,
die man in Schulbüchern
leider oft vergeblich sucht.
Habe dennoch
mehr Geduld mit dir,
glaube an dein Glück,
liebe Dich selbst,
gehe deinen eigenen Weg,
auch wenn andere
ihn belächeln mögen.
Nur Du weißt, was für Dich richtig ist.
Nur Du weißt, wer Du bist.
Sei neugierig auf das Leben,
riskiere etwas,
denn das Leben
ist niemals die Sicherheit.
Liebe die Liebe,
liebe das Lachen,
sei nie zu ernst
und höre im Zweifelsfall
immer auf Dein Herz,
in dessen Stille
Gottes Liebe wohnt;
sie ist dein Licht,
das schon brannte,
bevor Du geboren wurdest
und das noch brennen wird,
wenn Du nicht mehr
in Deinem Körper weilst.
Glaube mir:
Wir alle sind Engel des Himmels -
zu Besuch auf diesem blauen Planeten,
um von dem göttlichen
Honig des Lebens zu
kosten.
(für Anton zu seinem 15. Geburtstag - 2001)


 

 

 

 


Meine Stories -  2 Kindergschichten:

Der kleine Ball

Der kleine Ball tanzte, wie so oft, vergnügt auf den Wellen eines Sees, der von grünen Baumwäldern umsäumt war und den er als sein Zuhause empfand. Ein Schwanenpaar, das sich hier ebenfalls sehr wohl fühlte, zog in majestätischer Pose vorbei und wunderte sich über so ein kleines Wesen, das weder Schnabel noch Augen hatte und somit offenbar nicht sehen, riechen oder zubeißen konnte. Nun, ganz so war es nicht, denn der kleine Ball verfügte über eine ganz besondere Fähigkeit, er konnte nämlich die Schönheit der Welt gewissermaßen auch mit geschlossenen Fenstern sehen.  Er war klein und rund, hatte blaue, gelbe, grüne und rote Tupfer und er erfreute sich an seinem Aussehen so sehr, dass er an nichts und  niemandem zweifelte, auch nicht an der Tatsache, dass ihm einige typische Organe fehlten. Er betrachte dies jedoch nicht als einen Mangel sondern vielmehr als eine außergewöhnliche Beschaffenheit. Er war rund, wie Sonne, Mond und Sterne und wie die Erde selbst; was also sollte daran falsch sein ?

Eines Tages sprang ein fröhlicher Junge mit dunklem Haar von einem Segelboot aus ins  Wasser, war dann einige Minuten nicht zu sehen und tauchte nach Luft ringend direkt vor dem kleinen Ball wieder auf. Überrascht schaute der Junge, den seine Mutter Bruno rief, auf das runde, bunte Etwas,  betrachtete es von allen Seiten und gerade in dem Moment als er danach greifen wollte, ließ sich der kleine Ball von einer Welle davontragen. Nun, ganz so leicht wollte er es dem kleinen Schlingel nicht machen. Verdutzt blickte Bruno seiner runden Beute hinterher, schwamm  ein paar Züge und packte sie dann mit einem schnellen Griff. Der kleine Ball lächelte verschmitzt in sich hinein und freute sich. Er fühlte sich wohl, denn der Junge schien ein freundlicher Geselle zu sein, mit dem man vielleicht gut Freund sein konnte. Bruno kletterte zurück auf’s Boot und präsentierte seiner Mutter stolz den gefundenen Ball.

Aber da war noch dieses merkwürdige zottelige Wesen an Bord; der kleine Ball hatte diese Tiere schon gesehen, war ihnen aber immer aus dem Weg gegangen, weil sie gefährliche, scharfe Zähne hatten, vor denen man sich besser in Acht nahm. Denn  ehe man sich versah, konnten sie einem mit einem einzigen Biss die Luft nehmen. Und was war das für ein Ball, der nicht prall mit Luft gefüllt war ? Man konnte weder springen noch hüpfen. Ein Ball, der sich nicht voller Freude und Kraft bewegen ließ, war kein echter Ball sondern eher so etwas, wie eine schlaffe, abgelatschte Schuhsohle.

“Fang Brutus ! “, rief Bruno und  ehe der kleine Ball entfleuchen konnte, saß dieser verkeilt im Maul des Raubtieres, wurde gekaut und voll gesabbert. Ekelig. Der kleine Ball schwitzte. Er hatte Angst. Gott sei Dank schaffte der mutige Junge es, ihn wieder aus dem Maul dieses langhaarigen Wesens zu befreien.  Der kleine Ball fühlte tiefe Dankbarkeit. Doch nun reichte es ihm; Abenteuer sind ja ganz schön, aber was zuviel ist, ist zuviel.
Er rollte unauffällig an die Bootskante, um von dort seine Reise auf der Wasseroberfläche fortzusetzen. Doch ehe er hineinplumpsen konnte, hatte Bruno seinen neuen Spielkameraden zu fassen gekriegt und steckte ihn in seine Hosentasche. Meine Güte, Hosentaschen sind zugegebenermaßen gemütlich warm, und doch es ist verdammt dunkel dort. Man sieht nichts. Selbst wenn man keine Augen hat und eigentlich dennoch sehen kann; man sieht rein gar nichts. 

Der kleine Ball schlief ein, er träumte von anderen Bällen, kleine und große, unbekannte und berühmte. Ja, es gab Bälle, die waren in Zeitungen und im Fernsehen zu sehen, denn sie hatten große Erfolge vorzuweisen. Fußball-weltmeisterschaften wurden mit ihnen gewonnen, Basketballturniere waren ohne sie undenkbar und viele Pokale wurden durch und mit ihnen errungen. Der kleine Ball wünschte sich hin und wieder auch so eine Erfolgskarriere, doch sein Leben auf den masurischen Seen,  war so beschaulich und schön, dass er sich im Grunde genommen nicht beklagen mochte.

Als er aufwachte, hörte er ein sonderbares Brummen. Er lag in einer offenen Reisetasche. Bäume, Häuser und Menschen zogen an ihm vorbei. Er hatte schon davon gehört, dass die Menschen die Angewohnheit hatten, sich in angemalten Blechkisten zu bewegen, die für längere Zeit so schnell sein konnten, wie dies einem Ball nur in seinen sportlichsten Augenblicken möglich war. Man erzählte sich, dass diese fahrenden Kästen auch mit anderen zusammenstoßen konnten oder manchmal sogar explodierten. Dann ging einem gewissermaßen die Luft komplett aus. Grauenvoll.  

Irgendwann wurde die Tasche von zwei Händen gepackt und in ein Haus befördert. Der kleine Ball landete in einem Regal mit anderen Spielsachen und wartete dort, bis er eines Tages, als der Junge zuvor seine Schultasche in eine Ecke geschmissen hatte, schwungvoll gegriffen wurde und sich einige Augenblicke später auf einer kleinen Fußballwiese wieder fand. Gerade als er den Duft der Gräser zu genießen begann, wurde er von einem Fuß getreten, flog meterweit durch die Luft und landete auf dem Kopf eines anderen Jungen, den sie Anton riefen und der ihn wiederum mit einer geschickten Bewegung in ein Holzgestell - das Tor -  beförderte,  was mit viel Schreien und Applaus bejubelt wurde. Es war aufregend. Offenbar wollten alle ihn in Besitz nehmen.  Sie jagten keuchend hinter ihm  her. Wenn sie ihn zu fassen hatten, stießen sie ihn wieder weg, um  ihn dann erneut zu verfolgen. Ein merkwürdiges Spiel, aber nicht ohne Reiz, fand der kleine Ball.

Im nächsten Moment wurde er wieder getreten und flog direkt auf einen braunen Haufen zu, der schon aus weiter Entfernung unangenehm roch. Der kleine Ball hätte gerne seine Flugrichtung geändert, doch ein Ball ist wie ein Baby, eine selbstständige Bewegung ist ihm aus eigener Kraft nur schwer möglich. Man ist abhängig von dem, was andere mit einem machten. In den schaukelnden Bewegungen des Wasser seines heimatlichen Sees war dies kein Problem, denn das Wasser trägt einen und man kann sich darin wunderbar geborgen fühlen. Doch hier auf dem Fussballplatz, meine Güte, was war das für ein Stress.  Und nun auch noch dieser fürchterliche Gestank. Ehe er sich versah, landete er in einer weichen, stinkenden braunen Masse, was in ihm ein völlig neues Gefühl hervorrief, so als ob sich seine Oberfläche ganz plötzlich nach innen begeben wollte. Bruno rollte den Ball aus dieser übel riechenden Falle in eine Regenpfütze, um ihn dort von der klebrigen Substanz zu reinigen. Wieder empfand der Ball tiefe Dankbarkeit für den Jungen. Er hatte wohl doch einen echten Freund in ihm gefunden.
Das Spiel war irgendwann zu Ende, weil die eine Mannschaft den Ball öfters in den Kasten mit dem Netz geschossen hatte als die andere. Zum Schluss schoss ein Bursche der gegnerischen Mannschaft aus Ärger über das verlorene Spiel den kleinen Ball ganz weit und hoch in die Luft, bis er schließlich in einer Flussböschung, die mit riesigen Brennnesseln bewachsen war, landete. Niemand von den Jungs traute sich, den Ball dort zu suchen, weil sie Angst hatten, sich die nackten Arme und Beine an den ätzenden Nesseln  zu verbrennen. 

Es wurde dunkel und der kleine Ball vermisste seinen neuen Freund, der ihn auf diese Landreise mitgenommen hatte, aber noch viel mehr vermisste er seine wässerigere Heimat, die masurischen Seen. Nachdem er eine Weile traurig und sehnsüchtig in das silberne Licht des Mondes geblickt hatte, wurde er plötzlich gestupst und rollte ein Stück die Uferböschung hinunter, um an einem Baum-stumpf liegen zu bleiben. Eine Katze, die offenbar auf der Suche nach Mäusen war - zweifellos erfolgreich, denn sie hatte noch Blutspuren an ihrer mit langen, haarigen Borsten verzierten Nase - spielte mit dem Ball, in dem sie diesen mit den Pfoten hin und her stieß, um sich dann auf dem würzig riechenden Boden, wohlig und freudig herumwälzend, von diesem Treiben zu erholen. Schließlich kriegte der kleine Ball einen solch kräftigen Stoß, dass er mit Schwung in den kleinen Fluss hineinrollte, in dessen klarem Wasser er sich sofort sicher und geborgen fühlte. Die Katze versuchte zwar noch, ihn mit der Pfote zu  erwischen, doch sie hatte überhaupt keine Lust auf ein abendliches Bad und so ließ sie allmählich von ihrem Spielzeug ab.

Der Schein des Mondes spiegelte sich im Wasser und der kleine Ball ließ sich voller Vertrauen von der Flussströmung dahin treiben. Auf seiner Reise wurde er von Wasserratten, Schlangen und Fischen bestaunt, doch keines dieser Wesen hatte offenbar irgendein Interesse, ihn zu erbeuten oder gar zu verspeisen.

Er trieb vorbei an einem Ruderboot, in dem  ein Liebespaar saß und sich im Angesicht des Mondes  inniglich küsste. Er hörte zärtliche Liebesworte, die der Mann sprach, woraufhin die Frau freudig erregt lachte und ihren Kopf mit den langen, braunen Haaren nach hinten warf. 

Was wohl sein Freund Bruno jetzt tat, vielleicht hatte er schon einen neuen Ball gefunden oder einen viel größeren, mit dem man richtig Fußball spielen konnte, geschenkt bekommen.  Ach, woher sollte der Junge wissen, dass auch Bälle Seelen haben, besonders jene, die wild und frei in der Natur lebten. 

Der Fluss wurde allmählich breiter und breiter. Er zog an duftenden Wiesen, dunklen Wäldern, in denen ab und zu der Ruf einer Eule ertönte, und kleinen Städtchen, an dessen Uferpromenaden Jugendliche mit ihren knatternden Mopeds standen, vorbei. Es gab viel zu sehen für den kleinen Ball, bis auf einmal eine Schleuse ihm den Weg versperrte und seine Reise unterbrach. Er musste bis zum nächsten Morgen warten, bis sich für ihn und viele Segelboote, die ebenfalls auf ihre Weiterfahrt warteten, die Tore öffneten. Niemand bemerkte den kleinen Ball, der sich unmittelbar neben den Booten in dem engen Schleusenbecken befand. Alle waren damit beschäftigt, nicht mit den anderen Segelschiffen zusammenzustoßen, die alle dicht nebeneinander lagen. Schließlich öffneten sich erneut die Tore und das Wasser des Flusses  ergoss sich in ein noch breiteres Flussbett. Die Städte an den Ufern wurden größer und inzwischen war der Fluss zu einem riesigen Strom herangewachsen. Plötzlich schien es, als sei dieser an seinem Ziel angelangt. Der kleine Ball war etwas verwirrt, denn es lagen viele große Transportschiffe im Hafen, die an Mauerwänden mit unwahrscheinlich dicken Eisenhaken befestigt waren und ihm wie schwimmende Hochhäuser erschienen. Schaute man zu diesen Dampfern empor, so waren die Gesichter der Menschen, die sich über die Bordwand beugten, nicht viel größer als der kleine Ball selbst. So etwas hatte er noch nie gesehen. Außerdem war es laut -  viel, viel lauter als auf den masurischen Seen, wo er hin und wieder die Rufe der Wildgänse oder der Schwäne hören konnte. Aber das laute Dröhnen eines Schiffsignalhorns hatte er noch nie vernommen. Es  erschrak ihn so sehr, dass er vorsichtshalber ein wenig unter die Wasseroberfläche tauchte.  

Die Strömung trieb ihn an den Schiffen und großen Booten vorbei, immer weiter hinaus.  War der Fluss hier noch nicht an seinem Ziel angekommen ? Sollte die Reise etwa noch weiter gehen ?  Doch wohin ? Würde er seine Heimat nie mehr wieder sehen ?

Der kleine Ball hatte ein mulmiges Gefühl.  Sein Inneres füllte sich mit Angst. Oh, er mochte diese lähmende Furcht nicht sehr.  Aber angesichts der Tatsache, dass er überhaupt nicht wusste, was nun passieren würde, konnte er nicht anders empfinden.

Er hatte keine Chance anzuhalten; nirgendwo konnte er sich festhalten, nirgendwo war ein verspielter Junge, der ihn aus dem Wasser nahm, um ihn seinen Freunden zu zeigen oder ihn in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen. Zwischendurch wurde er von riesigen Schiffspötten an die Seite gedrängt, die den Hafen verließen. Immer wieder fragte sich der kleine Ball, wohin denn deren Reise gehen würde. Nun gut, man konnte offenbar nichts tun. Man konnte nur dem Lauf der Dinge vertrauen. Also gab es der kleine Ball auf, gegen sein Schicksal anzukämpfen und gab sich der Strömung des Flusses hin. Genau genommen war der Fluss nun gar kein Fluss mehr. Es gab plötzlich keine Uferbegrenzung mehr. Es gab nur die Weite, die aus unendlich viel Wasser bestand und den Himmel, der sich über allem wölbte. Ja, er hatte davon gehört, dass es ein Meer geben sollte, in das alle Flüsse der Welt hineinströmten. Um Himmels willen, er schwamm in diesem Meer, ja - das musste es sein; manche nannten es den Ozean. Der Ozean war der Ort, der so groß war, so dass er alles Wasser der Erde in sich aufnehmen konnte.

Der kleine Ball fühlte sich allein und verloren. Er weinte. Nach einer Weile spürte er jedoch, wie er langsam  immer größer wurde. Nicht, dass seine Gummihaut oder seine bunten Farbtupfer an Umfang zunahmen, nein, das nicht, aber seine Seele, sein Inneres wuchs über seine äußere Grenze, über seine Hülle, hinaus. Er hatte gar nicht mehr das Empfinden, ein Ball zu sein. Natürlich hatte er nach wie vor die Form eines Balles, aber gleichzeitig hatte er den Eindruck, dass er mehr war, dass er selber ein Stück vom Ozean geworden war.

Als er nachts auf der endlos weiten Oberfläche des Wassers liegend in die grenzenlose Ferne des sternenbeleuchteten Nachthimmels sah, wusste er, dass dies sein neues Zuhause war - größer und schöner als je zuvor.  Er sah riesige Wale, die Wasserfontänen in die Luft pusteten und Delphine, die um ihn herumtanzten und ihn mit freundlichen Gesängen begrüßten. Er lächelte dankbar in sich hinein und schickte Bruno und seinen Fußballfreunden in Gedanken ein paar herzliche Grüße. Vielleicht war jetzt sogar Weihnachten, das Fest an dem Eltern ihren Kindern neue Bälle schenkten und andere schöne Sachen, an denen sich ihr Herz erfreuen konnten.
 
E n d e


Der Schokoladenbär

Irgendwann war er vom Himmel auf die Erde gefallen. Niemand wusste warum und wieso und niemand hatte es bemerkt.  Er war mitten in die masurischen Wälder hineingeplumpst und hatte - Gott sei Dank - ein kleines Moosbett als Landeplatz vorgefunden. Hier war alles echt und zum Anfassen nahe. Es roch nach Baumharz, nach wilden Kräutern und feuchten Gräsern - alles Eindrücke, die dem Schokoladenbär bisher unbekannt waren. Das Sonnenlicht glitzerte in den Tautropfen, welche sich an die Tannennadeln schmiegten und im Morgenschlaf dem Tag entgegenträumten.  

Der Bär war noch jung und er war nicht etwa aus Schokolade. Nein, er war ein richtiger, wenn auch noch kleiner, brauner Bär, mit zotteligem Pelz, in dem er sich warm und wohl fühlte.  Er schlummerte unter einer großen Kiefer und nahm allmählich das Summen von Mücken, Fliegen und Bienen wahr, die sich auf seinem Fell niederließen, um dort einige Augenblicke zu pausieren. Meisen und Grasmücken saßen in den Bäumen und sangen - unbeeindruckt von der Anwesenheit des Bären - wie jeden Morgen ihre kleinen Melodien.  Ein Gefühl von Schönheit überwältigte den Bären und  er richtete sich auf, um sich dankbar dem Sonnenlicht entgegenzustrecken. 

Langsam stellte sich ein Gefühl von Hunger ein, sein Magen knurrte und er beschloss aufgeregt, diese neue Welt mit aller Aufmerksamkeit zu erkunden - vielleicht würde er dabei auch etwas Essbares finden.  Er wanderte los, traf auf Hasen und Füchse, die ihn mit Respekt und Neugier bestaunten, nahm sich ein paar blaue Früchte, die an kleinen Büschen wuchsen und war entzückt, von ihrem lieblichen Geschmack, den diese in seinem Mund hinterließen. 

Während das Sonnenlicht seine Nase kitzelte, vernahm er deutlich den erfrischenden Duft von Wasser. Aufgeregt stapfte er durch das Unterholz, verscheuchte dabei eine kleine Waldmaus, die sich unter den herunter gefallenen Blättern der Bäume versteckt hatte, und stand plötzlich an einem Abhang, von dem er auf einen riesengroßen See schauen konnte. Von dem Anblick überwältigt, wurde er für einen Moment ganz still und fühlte eine unbekannte leise Freude, die sich weit und grenzenlos in ihm ausdehnte.  Draußen auf dem See zogen Boote mit weißen Segeln lautlos dahin und der kleine Bär bekam Lust, dieses Wasser zu berühren.  Bei dem Versuch, den Abhang behutsam hinunter zu klettern, rutschte er ab,  rollte ein ganzes Stück tief hinab und landete - geschützt durch seinen dicken Pelz - unbeschadet auf einer grün bewachsenen Uferwiese.

Er bahnte sich einen Weg durch die hohen Gräser, ein Frosch sprang erschrocken davon und schon bald stand er unmittelbar am Wasser, das in kleinen Wellen ans Ufer schwappte. Der Sand unter seinen Füßen war samtweich und er machte ein paar langsame Schritte in den See hinein, sprang aber sogleich ein Stück zurück, denn die Kälte des Wassers war ihm ungewohnt und fremd.  Nach einer Weile des Zögerns lockte in die Versuchung erneut und er wagte sich nun etwas tiefer in das dunkle Nass hinein. Obwohl er etwas fror, traute er sich immer weiter hinaus, bis er keinen Boden mehr unter den Füßen hatte. Er wedelte instinktiv mit Armen und Beinen, um nicht mit dem Kopf unter die Wasseroberfläche zu sinken.  Ein Fisch tauchte plötzlich vor seinen Augen auf, um sich neugierig diesem zotteligen Badegast zuzuwenden.
Der kleine Bär wollte nach ihm greifen, doch ehe er zupacken konnte, war dieser geschickt seinem unbeholfenen Griff entflohen. Zurück am Ufer schüttelte der Bär das Wasser aus seinem Fell und trocknete sich in der Sonne, deren Wärme mit Voranschreiten des Tages immer stärker wurde.

Der kleine Bär empfand das Leben auf dieser Erde aufregend und schön, er fühlte sich behaglich und geborgen in seiner neuen Heimat. Bald schlief er ein und als er wieder aufwachte, hörte er laute Stimmen und das Bellen eines Hundes.  Zwei Segelboote steuerten auf das Ufer zu. Ein Hund stand an der Bugspitze des  größeren Bootes und bellte erneut und zwar in die Richtung des kleinen Bären. Etwas verunsichert versteckte sich der kleine Bär hinter einem Himbeerbusch und beobachtete das Anlegemanöver der beiden Boote. Ein Mann sprang ins Wasser und befestigte eine Leine an einem Baumstamm. Das andere Boot setzte mit dem vorderen Bootsrumpf im sandigen Untergrund des flachen Ufergewässers auf. Der Hund und zwei Kinder sprangen von Bord und wickelten die zweite Bootsleine um einen großen Stein. Anker wurden in den See geworfen und nun kamen immer mehr Menschen an Land, um den Lagerplatz zu erkunden.

Die Kinder sprangen erneut ins Wasser, warfen einen kleinen Ball in die Luft und der kleine Hund, der ein schwarzes Fell hatte, schwamm aufgeregt hinterher, um diesen mit der Schnauze zu fangen. Dem kleinen Bär gefiel das Toben und Baden der Kinder und am liebsten wäre er ebenfalls in den See gesprungen, um mit ihnen zu spielen. Da er aber diese neuen Gäste nicht kannte, blieb er lieber in seinem sicheren Versteck und beobachtete zunächst weiter das Geschehen. 

Nach dem die Kinder sich abgetrocknet hatten, gingen sie in den angrenzenden Wald und sammelten abgebrochene Äste und Zweige vom Boden. Dabei näherten sie sich zusehends dem kleinen Bären und plötzlich preschte der kleine Hund kläffend nach vorne und bellte den Busch, hinter dem sich der Bär versteckt hatte, in ohrenbetäubender Lautstärke an.  Von Neugierde ergriffen, kamen nun auch die Kinder hinzu, doch ehe sie das Versteck des Bären erreichten, flüchtete dieser unbemerkt in die Tiefe des Waldes.  Der Hund aber war derartig erregt, dass er dem Bären unmittelbar folgte. Die Kinder riefen ihn mit lauten Rufen zurück: “Brutus, hierher !”. Doch dieser dachte nicht im Traum daran, ihrer Aufforderung zu folgen; zu groß war die Aufregung, die ihn gepackt hatte. Der kleine Bär kletterte den Stamm einer großen, alten Eiche empor und verharrte zunächst auf einer Astgabel, die stabil genug war, den pelzigen Gast zu tragen. Der kleine schwarze Kläffer stand unten vor dem breiten Baum-stamm und versuchte immer wieder vergeblich daran hochzuspringen, um das ihm unbekannte fremde Wesen zu stellen. Hin und wieder knurrte der Bär, um seinen Verfolger zu beeindrucken, worauf der Hund tatsächlich verstummte, denn ein solches Knurren hatte er noch nie gehört. Es klang völlig anders, als das einer Katze oder eines  anderen Hundes, welcher Rasse dieser auch immer angehören mochte.

Mit einem Blick zur Seite entdeckte der Bär plötzlich, dass ein Teil des Baumstammes hohl war. Er betrachtete die Öffnung und schnupperte vorsichtig mit der Nase hinein. Es roch ein wenig streng und ungewohnt;  offenbar hatten schon andere Waldbewohner die Höhle als Heimstätte benutzt. 

Der kleine Bär glitt trotz eines leichten Widerwillens in sein neues Versteck und machte es sich gemütlich. Dies geschah keine Sekunde zu spät, denn im selben Augenblick erreichten die Kinder die alte Eiche. Der Hund bellte nach wie vor; die Kinder schauten sich aufmerksam um, fanden aber keinen Anhaltspunkt, welcher die Aufregung ihres Hundes hätte erklären können. Sie versuchten ihn zu beruhigen, nachdem dies aber keinen Erfolg hatte, nahmen sie ihn an die Leine und zogen von dannen. Der Hund folgte ihnen widerstrebend.

Erleichtert und nunmehr  erlöst von diesem hartnäckigen Verfolger, atmete der kleine Bär tief durch und machte ein kleines Schläfchen.  Geweckt wurde er von dem Rufen einer Eule, die sich ebenfalls  auf der Eiche niedergelassen hatte, um mit ihren scharfen Augen nach Mäusen Ausschau zu halten. Der kleine Bär öffnete die Augen und sah, dass es noch dunkel war. Nur der Schein des Mondes sorgte für etwas Licht. Er krabbelte aus der Baumhöhle und blickte direkt in die starren Augen der Eule, die unmittelbar vor ihm auf einem Ast Platz genommen hatte. Für ein paar wenige Sekunden schauten sich beide Tiere verdutzt und fassungslos  an, dann flog die Eule ganz plötzlich mit langen und lautlosen Flügelschlägen davon. 

Als er nach diesem  erneuten Schreck den Baum hinab geklettert war, erspähte er in der Ferne den Schein eines Feuers. Je näher er dem Licht der Flammen kam, umso deutlicher hörte er den Klang zweier Gitarren und den Gesang menschlicher Stimmen. Beeindruckt von diesen sonderbaren Tönen, blieb der Bär für einen Augenblick stehen, um sich ganz dem  Zuhören widmen zu können. Er wusste wohl, dass Bären nicht singen können, aber er glaubte auch, dass dies gut so war; denn offenbar hatte jedes Wesen auf dieser Welt ein ganz besonderes Talent als Schatz in sich, welches es von anderen Wesen unterschied. Und doch schien der Gesang dieser Menschen aus einer Quelle zu kommen, mit der sich auch der kleine Bär verbunden fühlte. 

Die Musik verstummte nach einer ganzen Weile und der kleine Bär schlich sich in die unmittelbare Nähe des Lagerfeuers.  Die Kinder waren offenbar schon zum Schlafen auf’s Boot gegangen und von den Erwachsenen war auch nur ein Pärchen anwesend, welches sich auf einer Decke liegend umarmte und küsste. Dem Bären wurde ganz warm um’s Herz und er erfreute sich an dem Anblick dieser Zärtlichkeiten.  Ach, wie gerne hätte auch er  eine Bärenfreundin gehabt oder ein paar Kameraden, mit denen er spielen konnte. 

Das Liebespaar löschte nun das Feuer, küsste sich noch einmal innig und kletterte auf’s Boot. Der Bär näherte sich neugierig dem Lagerplatz und erspähte sogleich eine voll gepackte Tüte mit Lebensmitteln. Er fand darin Kartoffelchips und Würstchen, Limonade und Bier und eine Tafel Schokolade. Am meisten faszinierte ihn der Geruch der Schokolade, er atmete den schweren süßen Duft von Kakao und Zucker ein und  öffnete mit seinen Tatzen begierig und ungeschickt die Papierverpackung.  Er biss ein Riesenstück ab, zerkaute es genüsslich schmatzend und befand den Geschmack dieser merkwürdigen braunen Substanz als absolut hervorragend - höchstens noch vergleichbar mit der Gaumenfreude, die einem der Verzehr von Bienenhonig bereiten konnte. 

Doch nach einer Weile empfand er eine leichte Übelkeit und da er inzwischen auch mächtigen Durst hatte,  öffnete er mit sicherem Gespür eine der Dosen, in der sich schäumendes Bier befand, welches beim Trinken ein komisches Prickeln auf der Zunge hinterließ. Wohl schmeckte diese sonderbare Flüssigkeit lecker, doch je mehr er davon trank, desto schwindeliger wurde ihm und schließlich merkte er, dass er nicht mehr sicher auf seinen Beinen stehen konnte. Er hatte auch plötzlich den Eindruck, dass nicht zwei sondern vier oder noch mehr Boote an der Anlegestelle vor Anker lagen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, so viel war klar. Als er eine ganze Weile betrunken durch das Unterholz getorkelt war, hatte er die Nase voll von diesem Zustand und kam  auf die Idee, sich im Wasser ein wenig abzukühlen. Er übersah einen kleinen Absatz an der Uferböschung und fiel hin; wenige Sekunden später stürzte er über ein Bootsseil, welches sich - ohne dass er es bemerkte - löste und purzelte sogleich kopfüber in den See. Er wusste zunächst nicht, wo oben und unten ist. Er bekam keine Luft, Wasser drang in Nase und Mund ein, doch nach einem Augenblick hob er den Kopf wieder über die Wasseroberfläche und prustete das Wasser aus seinem Maul, während er gleichzeitig die Sterne am Himmel leuchten sah. Allmählich beruhigte sich seine Aufregung und er begann sich etwas besser zu fühlen.

Als er den See wieder verlassen wollte, bemerkte er eine Leine, die einen seiner Füße streifte. Das Seil war straff gespannt und reichte weit bis ins Wasser hinein. Er zog mit aller Kraft daran, bis er plötzlich einen schweren Metallgegenstand in der Hand hielt:  einen  Anker.  Er ließ diesen wieder fallen und begab sich ans sichere Ufer. Er fühlte sich nach dem aufregenden und kühlen Bad etwas klarer und bemerkte dennoch nicht, dass sich eins der Boote langsam aber stetig entfernte.

Der kleine Bär durchwühlte erneut die Lebensmittelvorräte, die in der Umge-bung des Feuerplatzes lagen und entdeckte eine zweite Tafel Schokolade, die er begierig an sich nahm, um sie zu verstecken. Für’s Erste hatte er genug von dieser süßen Leckerei, aber ein kleiner Vorrat an Schokolade konnte nicht schaden, schließlich war morgen auch noch ein Tag.

Als  er sich gerade auf den Weg zu seiner Baumhöhle machen wollte, vernahm er plötzlich ein krachendes Geräusch, welches vom Wasser zu kommen schien. Er spähte auf den See hinaus und sah eins der Segelboote, welches etwa 50 Meter weiter zu seiner Rechten an Land getrieben worden war und sich mit dem Segelmast in einer Baumkrone verfangen hatte. Inzwischen hörte er aufgeregte Stimmen und wieder dieses unerträgliche Bellen des Hundes, welches ihn jedes Mal nervöser machte. Er sah den Schein von Taschen-lampen; ein Mann sprang ins Wasser und versuchte das Boot von der Böschung fort zu schieben, was ihm jedoch nicht gelang, da der Mast sich in der Baum-krone derartig heftig verfangen hatte, so dass dieser sich verbog, sobald man das Boot zu stark bewegte. 

Der kleine Bär begann langsam zu begreifen, dass dieses kleine Schiff mit den schönen weißen Segeln, welche nun zusammengerollt am Mast befestigt waren, durch die Leine mit dem schweren Metallding gehalten wurde. Und offenbar hatte es sich erst dann in Bewegung gesetzt, als sich der Anker, während er an dem Ankerseil zog, vom Boden des Sees gelöst hatte.
Er wollte diesen Fehler gerne wieder gut machen, aber er wusste nicht, wie er dies  anstellen konnte. Doch bald kam ihm die Idee, einfach auf den Baum zu klettern und dort oben in der Baumkrone den Mast von Ästen und Gestrüpp zu befreien.  Solange die Menschen und dieser unglaubliche Hund jedoch direkt am Boot waren, traute er sich nicht in deren Nähe.

Die Erwachsenen auf dem Segelschiff beschlossen - nach weiteren vergeb-lichen Bemühungen, das Boot fortzubewegen - den nächsten Morgen abzuwarten, um dann bei Tageslicht und besseren Sichtverhältnissen einen weiteren Versuch zu starten.

Weil der Hund an Deck zwischendurch immer noch aufgeregt bellte, da er offenbar den Bären gewittert hatte, nahmen ihn die Menschen mit in Bootskajüte, damit alle an Bord wieder in Ruhe schlafen konnten. Nachdem  es  auf dem Schiff still geworden war, schien dem Bären die Gelegenheit günstig, sich unauffällig dem Ort des Geschehens zu nähern. Er wanderte behutsam und fast geräuschlos einen schmalen Uferpfad entlang und stand bald vor einer hoch gewachsenen Birke, in dessen Krone sich der Mast verfangen hatte. Trotz der Dunkelheit kletterte er mit sicheren Bewegungen den Baum hinauf und begann sofort einige Äste vorsichtig abzubrechen und wegzuknicken, bis sich die Mastspitze und die an ihr befestigten Drahtseile wieder frei bewegen konnten. Nachdem er diese Hilfsaktion erfolgreich beendet hatte, begab er sich so leise wie möglich von der Baumspitze auf den Boden. Er war erleichtert.

Doch das Boot schien sich - nun wo es kein Hindernis mehr gab - wieder, wie von Geisterhand geführt, zu bewegen. Dem kleinen Bären wurde plötzlich klar, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis  es  erneut ans dicht bewachsene Ufer getrieben wurde. Er überlegte nicht lange, sondern glitt mutig ins Wasser und versuchte das kleine Segelschiff mit Hilfe seiner Muskelkraft vom Ufer wegzudrücken. Da der Anker sich offenbar noch nicht auf dem Grund des Sees eingegraben hatte, gelang ihm dies durchaus, wenn auch sehr langsam und mit viel Anstrengung und Mühe. Mal schob er das Boot von hinten, mal von der Backbordseite (links) und mal von der Steuerbordseite (rechts),  denn die Wellen und der leichte Wind trieben es manchmal zu weit vom Ufer weg oder zu dicht ans Ufer heran oder in eine andere, völlig falsche Richtung. Der kleine Bär war nun völlig aus der Puste, doch er hatte endlich den Platz, an dem das  zweite Segelboot lag, erreicht und befestige das vordere Seil des von ihm geretteten Bootes mit ein paar ungeschickten Knoten an einem Baumstamm. Sodann schwamm  er wieder ein Stück hinaus, tauchte nach dem Ankerseil und drückte schließlich mit letzter Kraft den Anker in den schlammigen Boden hinein. Der Bär tauchte auf, atmete tief die frische Nachtluft ein und begab sich an Land. Erschöpft legte er sich auf das mit üppigem Gras bewachsene Ufer, schaute in die Weite des mit Sternen übersäten Himmels und fühlte nun  eine große Zufriedenheit in sich: sein Rettungswerk war vollbracht, das Boot war sicher festgemacht. 

Bei der Vorstellung, dass die Menschen an Bord am nächsten Morgen mit Erstaunen feststellen würden, dass ihr kleines Segelschiff sich wie mit Hilfe geheimnisvoller Zauberkräfte befreit und wieder zu seinem alten Anlegeplatz bewegt hatte, musste der kleine Bär schmunzeln. Ein aufregender Bärentag ging zu Ende. Mit einem leisen Lächeln biss er ein Stück von der Schokolade ab, die er zuvor unter einer Grassode versteckt hatte und schlief mit einem süßen, lieblichen Geschmack auf der Zunge langsam ein. 

 
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